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Märkte

„Wir setzen auf die Macher“

Tim Janßen, Geschäftsführender Vorstand der Berliner NGO Cradle to Cradle, fordert im Interview mit Perspektiven, Unternehmen wie Politik gerade beim Thema Kreislaufwirtschaft an ihren Taten zu messen.

Die Kosten für Baustoffe steigen und der Rohstoffmangel ist schön längst in der Baubranche angekommen. Der Fokus verschiebt sich und Urban Mining kommt eine enorme Bedeutung zu. Ressourcen müssen in biologische sowie technische Kreisläufe eingeführt werden, um eine zirkuläre Wirtschaft zu erreichen.

Im Gespräch erklärt Tim Janßen, warum er lieber Lösungen präsentiert als auf Missstände aufmerksam zu machen, warum es nicht reicht, sich auf den Erfolgen aus der Vergangenheit auszuruhen und welchen Treiber er für einen Wandel sieht.

Interview

Worin unterscheidet sich die NGO Cradle to Cradle von anderen NGOs, die sich für Nachhaltigkeit einsetzen?

Tim Janßen: Wie bei vielen anderen Organisationen liegt unser Ursprung im Bewusstsein, dass wir nur diesen einen Planeten haben und die Existenz von Mensch und Natur sichern wollen. Wir wollen allerdings nicht in erster Linie auf Missstände aufmerksam machen, sondern fühlen uns den Lösungen verpflichtet.

Was bedeutet das konkret?

Tim Janßen: Wir sehen wirtschaftliche Betätigung nicht als Problem, sondern grundsätzlich als Schlüssel zur Veränderung. Immer mit der Botschaft, dass wir alle Ressourcen in biologischen und technischen Kreisläufen führen und alle Produkte so designen und produzieren müssen, dass sie für diese Kreisläufe geeignet sind. Nur so erreichen wir eine völlig zirkuläre Wirtschaft. Wenn wir den Gedanken einer Kreislaufwirtschaft nach Cradle to Cradle in den zentralen Branchen unserer Wirtschaft etablieren können, haben wir viel für den Klimaschutz, den Erhalt unserer Umwelt und damit den Erhalt unserer Lebensgrundlage gewonnen. Und wenn wir darüber sprechen, wo das Prinzip Cradle to Cradle bereits erfolgreich umgesetzt wird, lernen wir daraus und können es auf andere Bereiche übertragen.

Geschäftsführender Vorstand bei der NGO Cradle to Cradle.
Tim Janßen - Geschäftsführender Vorstand bei der NGO Cradle to Cradle.

Verstehen Sie Unternehmen, die beklagen, dass gesetzliche Vorschriften nachhaltige, kreislauffähige Lösungen benachteiligen?

Tim Janßen: Vorschriften, die falsche Anreize setzen, sind sicherlich ein großes Problem – aber nicht das einzige. Wir neigen grundsätzlich dazu, uns auf Erfolgen der Vergangenheit auszuruhen, worunter Innovation und Qualität leiden. Ein Beispiel dafür ist das Thema Energieeffizienz und Wärmedämmung. Hier gibt es bei den Vorschriften klaren Nachholbedarf, sodass Klimaschutz – etwa durch Vermischung von Materialien – nicht auf Kosten des Kreislaufgedankens geht. Derzeit wird genau das aber gefördert. Wir kennen aber auch Unternehmen, die sich vor Jahren schon auf den richtigen Weg gemacht haben und Cradle to Cradle erfolgreich umsetzen. Die nicht auf politische Anreize warten, sondern selbst aktiv und damit zu Vorreitern werden.

„Öffentliche Ausschreibungen und der kommunale Wohnungsbau können Treiber des Wandels werden.“

Tim Janßen

Müsste die öffentliche Hand durch Anpassung von Normen und Ausschreibungen hier gegensteuern? 

Tim Janßen: Öffentliche Ausschreibungen und der kommunale Wohnungsbau können Treiber des Wandels zu einfach wiederverwertbaren Produkten und Lösungen werden. Dafür bedarf es aber eines Verständnisses für das Thema. Deshalb arbeiten wir derzeit an einem Handbuch für kommunale Beschaffungsstellen. Das Interesse daran ist groß und es gibt erste Kommunen wie Ludwigsburg, die das schon sehr überzeugend umsetzen.

Beraten Sie auch die Politik?

Tim Janßen: Das tun wir sehr intensiv. Auf politischer Ebene steht speziell das Thema Klimaschutz seit einigen Monaten an erster Stelle – da gilt es, wie gesagt, eher aufzupassen, dass die Ressourcenkrise darüber nicht vergessen wird. Richtige Rahmenbedingungen für eine Kreislaufwirtschaft nach Cradle to Cradle sind wichtig und uns geht es in diesem Bereich zu zögerlich voran. Wir vertrauen beim Durchsetzen einer nachhaltigen Kreislaufwirtschaft nicht auf die RednerInnen, wir setzen auf die Macher – in der Wirtschaft wie auch in der Politik.

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Apropos Macher: Die Baubranche hat einen der größten Hebel beim Thema Klima- und Ressourcen­schutz in der Hand. Wie groß ist das Interesse bei den Beteiligten an der Kreislaufwirtschaft?

Tim Janßen: Sehr groß. Wir unterhalten uns derzeit mit VertreterInnen aus nahezu allen Baubereichen. Viele Architekturbüros, aber auch große Baukonzerne. Bei den ArchitektInnen und PlanerInnen habe ich das Gefühl, dass der Ehrgeiz so richtig geweckt ist. Da geht es nicht mehr nur darum, CO2 einzusparen, sondern klimapositiv zu bauen.

Und wie bewerten Sie das Engagement der Bauwirtschaft?

Tim Janßen: Ich registriere in der Baubranche angesichts immer knapperer Ressourcen einen großen Innovationsdruck. Gebäude nicht als Endprodukt, sondern als Materialzwischenlager zu sehen, hat viel mit Effizienz und Ökonomie zu tun. Und die Unternehmen haben verstanden, dass sie bei Weiterverfolgung des linearen Systems mittelfristig auch wirtschaftlich nicht mehr erfolgreich sein werden. Das Ziel lautet nicht, für die Ewigkeit zu bauen, sondern für den Kreislauf – da ist bei vielen radikales Umdenken gefragt

Was kann ein Unternehmen wie Holcim konkret tun, um das Konzept der Kreislaufwirtschaft umzusetzen?

Tim Janßen: Das ist vor allem eine kulturelle Frage. Alle MitarbeiterInnen sollten das Prinzip einer wirklich geschlossenen Kreislaufwirtschaft verinnerlicht haben und entlang der gesamten Wertschöpfungskette umsetzen. Dabei ist immer eine Frage entscheidend: Wie können wir einen bislang klima- und ressourcenschädlichen Prozess so verändern, dass er dem Gedanken von C2C entspricht und nicht nur weniger schädlich ist, sondern einen positiven ökologischen, ökonomischen und sozialen Impact hat. Dass wir heute miteinander sprechen, stimmt mich positiv, dass Holcim hier auf einem guten Weg ist.

Die Berliner NGO setzt sich dafür ein, Klima- und Ressourcenschutz zusammenzubringen und in möglichst vielen Bereichen eine Kreislaufwirtschaft nach Cradle to Cradle (von der Wiege zur Wiege) zu etablieren. Dabei setzt die Organisation auf die Bildung und Vernetzung von Entscheidungsträger­Innen aus Wirtschaft, Wissenschaft, Bildung, Politik und Zivilgesellschaft. Mit über 1.000 Teilnehmenden ist der jährlich von der NGO organisierte C2C-Kongress die weltweit größte Plattform für Circular Economy und C2C. Tim Janßen ist Geschäftsführender Vorstand der C2C NGO.

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